Ein unterschätztes Problem

Das Preisparadox

Es gibt Entscheidungen, die absolut logisch erscheinen – und in der Realität nicht getroffen werden.

Zwei Angebote stehen nebeneinander.

Vergleichbare Leistung. Vergleichbare Ergebnisse.

Eines davon ist günstiger.

Nach klassischer Marktlogik müsste die Sache hier entschieden sein.

In der Praxis beginnt an genau dieser Stelle das Zögern.

Denn Kunden entscheiden nicht ausschließlich über Preis und Leistung.

Sie entscheiden über Plausibilität.

Was geht im Kopf des Kunden vor?

Die erste Frage lautet nicht: Was bekomme ich?

Sondern: Warum ist das günstiger?

Ein niedrigerer Preis bei gleicher oder besserer Leistung wirkt nicht automatisch attraktiv.

Er erzeugt zunächst eine Inkonsistenz.

Und diese Inkonsistenz verlangt nach einer Erklärung.

Bleibt sie aus, entsteht ein Verdacht.

Nicht konkret, nicht messbar – aber wirkungsvoll.

Die unausgesprochene Annahme lautet:

Wenn etwas wirklich gleichwertig ist, müsste es ähnlich bepreist sein.

Das Prinzip dahinter

Das ist kein irrationales Verhalten.

Wenn Qualität vor dem Kauf schwer überprüfbar ist, nutzt das menschliche Gehirn Abkürzungen.

Der Preis wird dann nicht als Kostenfaktor gelesen, sondern als Informationssignal.

Ein höherer Preis bedeutet: Hier steht jemand für etwas ein.

Ein niedrigerer Preis ohne Erklärung bedeutet: Hier fehlt mir Kontext.

Deshalb erklären Billigfluggesellschaften ihren Preis nicht über Leistung,

sondern über Verzicht.

Kein Essen. Kein Gepäck. Kein Sitzplatz.

Der akzeptierte Deal

Nicht als Schwäche, sondern als Logik.

Der Kunde versteht den Tausch – und akzeptiert den Preis.

Wo dieser Tausch nicht benannt wird,

entsteht Misstrauen.

Und mehr noch:

Es entsteht eine offene Flanke.

Wo keine eigene Erklärung existiert,

reicht ein Satz von außen, um das Deutungsfeld zu besetzen:

Müssen die ja irgendwo sparen.

Ab diesem Moment geht es nicht mehr um Qualität oder Ergebnisse,

sondern um Unterstellungen.

Oft übersehen

Ein weiteres Beispiel aus dem B2B bereich.

Dieses Muster zeigt sich besonders deutlich in Märkten mit technisch ausgereiften, vergleichbaren Produkten.

Ein anonymisiertes Beispiel aus dem Refinish-Markt:

Mehrere Marken liefern objektiv saubere Ergebnisse.

Hohe Farbtongenauigkeit, gute Deckkraft, stabile Prozesse, wirtschaftliche Margen.

Diese Leistungsfähigkeit ist belegbar und im Alltag reproduzierbar.

Eine dieser Marken ist günstiger.

Und genau das wird zum Problem.

Ihre Kommunikation kreist um einen Satz:

Wir sind genauso gut wie die teuren Marken.

Das ist objektiv korrekt.

Aber es erklärt den Preis nicht.

Das Versäumnis

Die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet.

Warum kostet dieses Produkt weniger?

Solange diese Frage unbeantwortet bleibt,

wird der günstigere Preis nicht als Vorteil gelesen,

sondern als Abweichung von der Norm.

Der Anwender vermutet keinen konkreten Mangel.

Aber er braucht eine schlüssige Geschichte.

Und wenn er sie nicht bekommt,

erfindet er selbst eine.

Nicht sichtbar.

Nicht messbar.

Aber stark genug, um beim Bekannten zu bleiben.

Das ist kein Qualitätsproblem.

Und kein Preisproblem.

Gib deinen USP nicht auf.

Was kannst du tun

Die Antwort auf dieses Problem ist nicht ein höherer Preis –

und damit die Aufgabe der eigenen Alleinstellung, um im fremden Frame einer von vielen zu sein –,

sondern eine bessere Erklärung.

Es ist ein Erklärungsproblem.

Ein günstigerer Preis ohne erklärten Grund

wirkt nicht effizient,

sondern unvollständig.

Und Unvollständigkeit ist im Kopf des Kunden

immer gefährlicher als ein höherer Preis.

Insight-Kernsatz:

Menschen misstrauen nicht dem günstigen Preis.
Sie misstrauen dem fehlenden Grund dafür.

Menschen misstrauen nicht dem günstigen Preis. Sie misstrauen dem fehlenden Grund dafür.

Von innen heraus kann man viele Schwachstellen der Kommunikation nicht erkennen. 

Problemanalyse
Add-on: Vertiefung und Glossar 

Die zugrunde liegenden Prinzipien 

Preis-Qualitäts-Heuristik (Price–Quality Heuristic)

Wenn Qualität vor dem Kauf schwer überprüfbar ist, nutzen Menschen den Preis als Stellvertreter für Qualität. Ein höherer Preis wird als Signal für Verlässlichkeit und Verantwortung interpretiert.

Signaltheorie (Signaling Theory)

Preise fungieren als Signale. Ein hoher Preis ist ein kostspieliges Signal, das nicht jeder Anbieter glaubwürdig senden kann. Weicht ein Anbieter davon ab, ohne ein alternatives Signal zu liefern, entsteht Interpretationsspielraum.

Ambiguitätsaversion (Ambiguity Aversion)

Menschen meiden Entscheidungen mit unklaren Konsequenzen. Ein ungeklärter Preisunterschied erzeugt Ambiguität und wird deshalb vermieden – selbst bei objektiver Gleichwertigkeit.

Negativitätsbias (Negativity Bias)

Negative Vermutungen setzen sich schneller durch als positive Argumente. Eine offene Frage wird bevorzugt negativ gefüllt, insbesondere im Wettbewerbsumfeld.

Informationsasymmetrie (Information Asymmetry)

Anbieter verfügen über mehr Produktwissen als Kunden. Der Preis dient als öffentlich sichtbarer Orientierungsanker. Wird dieser ohne Erklärung unterlaufen, steigt das Misstrauen unabhängig von der tatsächlichen Qualität.

Einordnung:

Das beschriebene Verhalten ist kein Ausnahmefall, sondern ein etabliertes Entscheidungsmodell in Märkten mit schwer vergleichbarer Qualität.

Über diese Insights

Die hier veröffentlichten Insights befassen sich mit strategischen Entscheidungsfragen rund um Marke, Marketing und Kommunikation. Sie analysieren Strukturen, Wirkmechaniken und typische Fehlannahmen, die in unterschiedlichen Unternehmensphasen auftreten können – basierend auf unserer langjährigen Erfahrung aus zahlreichen Projekten.

Insights liefern keine allgemeingültigen Rezepte, weil es sie nicht gibt.

Stattdessen schaffen sie Verständnis für Zusammenhänge, hinterfragen gewohnte Denkmuster und zeigen, warum wirksame Kommunikation heute Analyse, Erfahrung und fachlich fundierte Konzepte erfordert. Die Inhalte basieren auf Beobachtungen und Erkenntnissen aus über drei Jahrzehnten praktischer Arbeit im Marketing- und Kommunikationsumfeld. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern machen Denkmodelle und Zusammenhänge sichtbar, die langfristige Wirkung entfalten können.

Entstanden sind diese Perspektiven im Kontext realer Projekte und Fragestellungen, wie sie Unternehmen unterschiedlicher Größe und Ausrichtung im deutschsprachigen Raum begegnen. Aus Gründen der Vertraulichkeit und Compliance können viele dieser Erkenntnisse nicht anhand eigener Projekte dargestellt werden und werden daher teilweise anhand externer Beobachtungen, Kampagnen oder öffentlich zugänglicher Beispiele erläutert.

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