Bei erfolgreichen Marken sehen Menschen immer den Frame

Menschen sehen nie das Produkt

Menschen glauben, sie bewerten Produkte objektiv: Preis, Leistung, Funktionen, Menge. In Wahrheit sehen wir fast nie das Produkt selbst, wir sehen den Frame, in dem es präsentiert wird, den Bedeutungsrahmen, der unbewusst bestimmt, wie wertvoll, relevant oder begehrlich etwas wirkt. Ein Produkt bleibt ein Produkt und erst der Frame macht daraus eine Bedeutung.

Starke Marken führen diese Wahrnehmung. Austauschbare Marken überlassen sie dem Zufall.

Aha-Beispiel 1:

VOSS – Wasser als Designobjekt

VOSS verkaufte zu seinen besten Zeiten nicht Wasser, VOSS verkaufte Tischschmuck.

  • schwere, klare Flasche wie ein Parfumflakon
  • minimalistisches Design
  • steht auf dem Tisch, nicht auf der Getränkekarte

Der Inhalt ist nahezu identisch, der Frame macht den Wert. Mittlerweile machen dies aber zu viele Firmen nach.

Aha-Beispiel 2:

Häagen-Dazs – Eis als Praline

Häagen-Dazs verkauft nicht „Eis“, sie verkaufen Praline.

Und Praline bedeutet unbewusst:

  • klein = kostbar
  • teuer = normal
  • süß = es ist süßer als andere
  • Sünde = Genuss
  • bewusst = Premium
  • selten = wertvoll

Das Produkt ist identisch, die Bedeutung ist eine andere.

Ergebnis: Pralinen sind edel und teuer, das dürfen Sie auch ruhig sein.

Aha-Beispiel 3:

Starbucks verkauft KEINEN Kaffee

Sie verkaufen einen Ort, Starbucks selbst bezeichnet seine Läden als Third Place – also als dritten Ort zwischen Zuhause und Arbeit.

  • Wohnzimmermusik
  • WLAN
  • Vornamen auf dem Becher
  • Sofas statt Stühle

Der Kaffee ist Nebensache, der Frame ist die Leistung.

Dieser Frame ist den Kunden viel Geld Wert.

Die Frame-Map

wie Marken ihre Bedeutung verorten

Starke Marken entstehen nicht durch Produkte, sie entstehen durch klare Bedeutungsachsen.

Jede starke Marke basiert auf einer inneren Karte, einem Netz aus Gegensätzen, auf denen die Marke eindeutig positioniert ist:

  • Freiheit ↔ Kontrolle
  • Abenteuer ↔ Sicherheit
  • Rational ↔ Emotional
  • Ernst ↔ Verspielt
  • Tradition ↔ Moderne
  • Energie ↔ Ruhe
  • Nähe ↔ Distanz

Diese Achsen definieren:

  • wie eine Marke wirkt
  • welche Emotion sie auslöst
  • welche Sprache sie spricht
  • welche Bilder sie nutzt
  • welche Zielgruppe sie anzieht
  • welchen Preis sie rechtfertigen kann

Beispiel: Jever.

Jever verkauft kein „besonders mildes“ Bier, Jever verkauft:

  • Freiheit. Küste. Abenteuer. Wind.
  • Kantig. Rau. Unverwechselbar.
  • Weil die Achse kantig, rau und unverwechselbar ist.

Gegenpol: Krombacher.

  • Krombacher steht für Qualität, Natur, Ruhe, Ausgeglichenheit.
  • Sympathisch – aber extrem breit und ohne klare Kante.
  • Breite Achse = Nähe, aber keine Identität.

Deshalb ersetzt Krombacher Kante durch Reichweite:

„Krombacher kompensiert seine fehlende Klarheit seit Jahren mit dem größten Werbebudget im deutschen Biermarkt – eine Lösung, die für 99 % aller Marken keine Option ist.“

  • Starke Marken gewinnen Bedeutung über ihr Verortung.
  • Marken im Massenmarkt über Budget.
  • Marken ohne Identität und Budget und über gar nichts.

Das Produkt bleibt gleich, aber der Frame verändert, was der Kunde darin sieht.

Hauptbeispiel:

Apple – Identität statt Technik

Apple hat wahrscheinlich nicht den besseren Computer gebaut, Apple hat aber ganz sicher den besseren Frame gebaut. Nicht das Produkt, sondern das, was der Kunde über das Produkt fühlt, wurde verändert:

„Ich bin jemand, der Apple benutzt.“

„Ich habe Geschmack.“

„Ich gehöre zu denen, die es verstanden haben.“

Das Apple Modell

Dieser Identitäts-Frame basiert auf vier Ebenen:

1. Weiße Kopfhörer

Status ohne Worte

Als alle Kopfhörer schwarz waren, machte Apple sie weiß.

Ein sozialer Marker:

  • sichtbar
  • selten
  • sofort zuordbar
  • „Das ist ein Apple-Nutzer“

Die Farbe war Botschaft, der Frame war Identität.

2. Die Swipe-Geste

Spaß statt Arbeit

BlackBerry war der Platzhirsch im Business: Business. Tastatur. Pflicht. Effizienz.

Nokia Weltmarktführer bei Mobiltelefonen: Jeder 2. hatte gefühlt ein Nokia, man kam an der Marke nicht vorbei.

Der Markt war aufgeteilt und eigentlich gesättigt.

Dann kam Apple und war plötzlich: Wischen. Spielen. Leichtigkeit. Emotion.

Diese mächtige Geste zerstörte den alten Frame: „Technik durfte plötzlich Spaß machen.“

BlackBerry verkaufte Pflicht, Nokia Nutzen und Apple verkaufte Freude.

Der Rest ist Marktgeschichte.

3. Design

Kunst statt Gerät

Apple nutzt Design nicht als Stil, sondern als Bedeutungsmaschine:

  • Glas + Metall → Wert
  • keine Schrauben → Perfektion
  • klare Formen → Ruhe
  • Animationen → weich, menschlich
  • Typografie → Kontrolle, Präzision

Das Produkt wird wertvoll, bevor man es nutzt.

4. Apple Stores

Kathedralen statt Läden

Apple baut keine Shops, Apple baut Tempel:

  • hohe Decken
  • Glasflächen
  • Stein, Licht, Leere
  • Produkte wie Kunstobjekte

Der Raum rahmt die Marke: „Das hier ist Kultur, nicht Technik.“ Der Store erhebt das Produkt und den Käufer. Die Marke des besten Telefons ist längst eine Glaubensfrage, die nicht selten auf dem Schulhof mit Streit geendet hat.

Der Tod des BlackBerry

Frame-Kollaps

BlackBerry verlor nicht wegen schlechter Technik, sondern weil der Frame „Business“ durch den Frame „Lebensgefühl“ ersetzt wurde.

Arbeit → Tastatur

vs.

Leben → Fotos, Musik, Apps, Touch, Leichtigkeit

BlackBerry verkaufte Pflicht, Apple verkaufte Gefühl und der Markt entschied emotional.

Der Niedergang von Nokia

verpasster Bedeutungswechsel

Nokias Frame war: „Telefonieren. Robustheit. Technik.“

Als das Mobiltelefon ein Lifestyle Objekt wurde, und nicht länger mehr Telefon war, wechselte die Bedeutung der gesamten Kategorie. Nokia wechselte nicht mit.

Technik stark, Frame falsch -> Markt verloren.

Es geht immer um Bedeutung und Nutzen.

Was der Kunde sieht, ist nie das Produkt

Am Ende sehen Menschen keine Marken und keine Produkte, sie sehen Bedeutungen, die ihnen helfen, schnell, sicher und ohne inneren Widerstand zu entscheiden.

Markenpsychologie ist deshalb kein Werkzeug, um Menschen zu überreden.

Sie ist das System, das festlegt, welche Fragen überhaupt gestellt werden, welche Vergleiche sinnvoll erscheinen und welche Entscheidung sich richtig anfühlt.

Wer diese Mechanismen versteht, konkurriert nicht mehr über Argumente.

Er konkurriert über Orientierung.

Uns Orientierung schlägt Preis, Lautstärke und Erklärung – jedes Mal.

Starke Marken führen diese Bedeutung, schwache Marken liefern nur das Produkt, und wenn du dem Kunden keinen Frame bietest, verkaufst du über den Preis.

Über diese Playbooks

Die hier veröffentlichten Playbooks vertiefen strategische Fragestellungen rund um Marke, Marketing und Kommunikation. Sie übersetzen Wirkmechaniken, Entscheidungslogiken und psychologische Zusammenhänge in strukturierte Denk- und Handlungsrahmen.

Die Inhalte basieren auf über drei Jahrzehnten praktischer Arbeit, analytischer Auswertung realer Markt- und Projekterfahrungen sowie fundierter strategischer Beobachtung. Sie erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit, sondern dienen der Orientierung bei komplexen Entscheidungsprozessen.

Entstanden sind diese Playbooks im Kontext realer Projekte und strategischer Aufgabenstellungen, wie sie Unternehmen unterschiedlicher Größe und Ausrichtung im deutschsprachigen Raum begegnen. Aus Gründen der Vertraulichkeit, Compliance und Kundenschutzes können viele Erkenntnisse nicht anhand eigener Projekte dargestellt werden und werden daher teilweise anhand externer Beobachtungen, öffentlicher Kampagnen oder allgemein zugänglicher Beispiele erläutert.

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