Wirkt Werbung überhaupt noch?
Werbung wird nicht ignoriert, weil sie wirkungslos ist.
Sondern weil sie heute anderen Regeln folgt als früher.
SEO-Einordnung (Intro):
Viele Geschäftsführer und Marketingleiter im Mittelstand stellen sich diese Frage. Werbewirkung scheint schwer messbar, Marketingmaßnahmen verpuffen, Aufmerksamkeit wird knapper. Dieses Insight ordnet ein, warum Werbung heute oft ignoriert wird – und unter welchen Bedingungen Markenkommunikation dennoch Wirkung entfalten kann.
Menschen sind täglich mit einer enormen Anzahl an Kommunikationsimpulsen konfrontiert – sichtbar oder unbewusst. Werbung steht heute nicht mehr allein, sondern konkurriert permanent mit tausenden anderen Botschaften um Wahrnehmung. Dass dabei ein Großteil ausgeblendet, übersprungen oder weggeworfen wird, ist kein Zeichen von Desinteresse. Es ist ein Schutzmechanismus. Unser Gehirn filtert, um handlungsfähig zu bleiben. Aufmerksamkeit ist keine freie Fläche, die man nur laut genug bespielen muss. Sie ist eine knappe Ressource.
Aus diesem Schutz entstehen zwei Barrieren.
Die erste ist biologisch. Reize, die als bekannt, redundant oder nicht relevant eingeschätzt werden, werden automatisch ausgeblendet. Das ist kein Widerstand und kein Qualitätsurteil, sondern Normalzustand menschlicher Wahrnehmung. In einem Umfeld extremer Reizdichte ist dieses Filtern nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Die zweite Barriere ist heute aktiver denn je, weil Menschen gelernt haben, Aufmerksamkeit gezielt zu verteidigen und sich zu entlasten. Was früher passiv hingenommen wurde, wird heute aktiv gefiltert – nicht aus grundsätzlicher Ablehnung von Werbung, sondern aus dem Bedürfnis nach Kontrolle. Werbung wird bewusst übersprungen, weggeworfen oder gelöscht – oft mit einer kurzen inneren Befriedigung. Diese Abwehr ist erlernt. Sie entsteht dort, wo Kommunikation als aufdringlich, beliebig oder unpassend erlebt wird.
Verstärkt wird diese Abwehr durch einen Zustand permanenter Ablenkung. Mobile Geräte, Navigation, Telefonate und parallele Reize führen zu situativer Unachtsamkeit. In der Psychologie spricht man von Inattentional Blindness: Reize sind vorhanden, werden aber kognitiv nicht verarbeitet. Werbung konkurriert damit nicht nur mit anderer Werbung, sondern mit dem Zustand mentaler Abwesenheit.
Hinzu kommt ein struktureller Wandel. Früher war Kommunikation stärker gebündelt: Zeitung, Telefonbuch, Plakat, Kino, später der Werbeblock im Fernsehen. Wenige Kanäle, klare Erwartungshaltungen. Heute ist Kommunikation fragmentiert. Kanäle wechseln, Formate verändern sich, Kontaktpunkte vervielfachen sich – offline wie online. Das macht Werbung nicht unwirksam, aber deutlich anspruchsvoller. Präsenz allein reicht nicht mehr. Menschen müssen dort abgeholt werden, wo sie mental und situativ gerade sind.
Vor diesem Hintergrund wirkt vieles, was heute als Werbung betrieben wird, wie ein Alibi. Maßnahmen beruhigen den Absender, nicht den Markt. Einzelaktionen werden umgesetzt, weil man „etwas tun muss“, nicht weil sie Teil eines Systems sind. Der wirtschaftliche Ertrag bleibt dann aus – nicht, weil Werbung grundsätzlich nicht funktioniert, sondern weil sie isoliert gedacht wird. In einem Umfeld hoher Reizdichte können Einzelmaßnahmen strukturell kaum Wirkung entfalten.
Werbung ist heute kein Kostenblock für Reichweite,
sondern eine Investition in mentale Verfügbarkeit.
Denn Werbung wirkt selten im Moment der Wahrnehmung.
Sie wirkt im Gedächtnis.
Was nicht im Gedächtnis ankommt, existiert im Markt nicht.
Erinnerung entsteht dabei nicht zwingend durch bewusste Aufmerksamkeit. In der Wahrnehmungspsychologie spricht man von Flashbulb Memories – Erinnerungen, die sich durch starke emotionale Verknüpfung dauerhaft einprägen. Sie entstehen nicht durch Informationsmenge, sondern durch Bedeutung. Deshalb erinnern sich Menschen oft noch Jahre oder sogar Jahrzehnte später an bestimmte Aktionen, Aussagen oder Erlebnisse – positiv wie negativ. Entscheidend ist nicht, ob eine Botschaft gefallen hat, sondern ob Marke, Emotion und Situation miteinander verknüpft wurden.
Hier liegt das Problem – und zugleich die Hoffnung. Einzelne, wechselnde Botschaften hinterlassen kaum Gedächtnisspuren. Ständig neue Designs, Tonalitäten und Aussagen verhindern Vertrautheit. Konsistenz hingegen erhöht die Wahrscheinlichkeit mentaler Abrufbarkeit.
Jede konsistente, markentypische Exposition hat die Chance, Verfügbarkeit aufzubauen – auch ohne bewusste Aufmerksamkeit.
Dabei ist wichtig: Werbung wird nicht pauschal abgelehnt. Sie wird akzeptiert, wenn Marke, Tonalität und Kontext passen – wenn sie anschlussfähig ist und positive oder zumindest stimmige Assoziationen auslöst. Ablehnung entsteht dort, wo Kommunikation nervt, stört oder zur falschen Zeit kommt. Akzeptanz und Abwehr sind zwei Seiten derselben Medaille.
Kreativität wird in diesem Umfeld oft missverstanden. Sie ist heute weniger Einfall als Übersetzungsarbeit. Je fragmentierter Kanäle und Kontexte werden, desto mehr Erfahrung und Wissen braucht es, um Botschaften anschlussfähig zu halten. Nicht weil alles neu ist – sondern weil es komplexer geworden ist. Viele große Agenturen beherrschen diese Komplexität auf höchstem Niveau. Die eigentliche Herausforderung beginnt dort, wo diese Denkweisen für den Mittelstand übersetzbar werden müssen: verständlich, tragfähig und umsetzbar, ohne sie zu vereinfachen oder zu trivialisieren.
Das bedeutet nicht, dass jede Wiederholung wirkt oder Provokation der Schlüssel ist. Negative Emotionen können erinnern lassen, sie ersetzen aber kein Vertrauen. Nachhaltiger Ertrag entsteht dort, wo Kommunikation über Zeit anschlussfähig bleibt – kanalübergreifend, offline wie online – und wo Erfahrung, Wissen und Konzept ineinandergreifen.
Kanalübergreifende Konkretisierung:
Das gilt kanalübergreifend. Online wird Werbung weggewischt, offline übersehen oder beiläufig wahrgenommen. Telefonische Ansprache kann wirken, kommt aber häufig zur falschen Zeit. Selbst physische Präsenz – etwa Fahrzeuge mit Werbung oder Sichtbarkeit im direkten Umfeld – entfaltet ihre Wirkung selten sofort. Sie wirkt vor allem dann, wenn sie in ein konsistentes Gesamtbild einzahlt und nicht als isolierter Impuls stehen bleibt.
Viele kennen solche Prägungsmomente aus anderen Kontexten. Ein Interview, ein Satz, eine Haltung zur richtigen Zeit. Mein erster solcher Moment war ein Fernsehinterview mit Mannesmann. Nicht wegen Zahlen oder Argumenten, sondern wegen Klarheit und Bedeutung. Genau so funktioniert Erinnerung.
Werbung steht heute nicht vor der Aufgabe, Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Sie steht vor der Aufgabe, erinnerbar zu sein – unter deutlich anspruchsvolleren Bedingungen als früher.
Leiser Abschluss (CA):
Ertrag entsteht nicht durch den nächsten Kontakt,
sondern durch Abrufbarkeit im entscheidenden Moment.
Viele Unternehmen sind sichtbar – und dennoch unsicher, was davon tatsächlich im Kopf bleibt. Genau hier lohnt es sich, Kommunikation nicht nach Kanälen oder Einzelmaßnahmen zu bewerten, sondern nach dem Bild, das sich über Zeit im Gedächtnis formt.
ÜBER DIESE INSIGHTS
Die hier veröffentlichten Insights beschäftigen sich mit strategischen Entscheidungsfragen rund um Marke, Marketing und Kommunikation. Sie analysieren Strukturen, Wirkmechaniken und typische Fehlannahmen, die in unterschiedlichen Unternehmensphasen auftreten können.
Insights liefern keine allgemeingültigen Rezepte, weil es die nicht gibt. Stattdessen schaffen sie Verständnis für Zusammenhänge, regen dazu an, gewohnte Muster zu hinterfragen, und zeigen, warum wirksame Kommunikation heute Analyse, Erfahrung und fachlich fundierte Konzepte erfordert.
Die Inhalte basieren auf Beobachtungen und Erfahrungen aus über drei Jahrzehnten praktischer Arbeit im Marketing- und Kommunikationsumfeld. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern machen Denkmodelle und Zusammenhänge sichtbar, die langfristige Wirkung entfalten können.
Entstanden sind diese Perspektiven im Kontext realer Projekte und Fragestellungen, wie sie Unternehmen unterschiedlicher Größe und Ausrichtung im deutschsprachigen Raum begegnen.
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